Panik.

Der Moment, in dem nichts mehr gehorcht.

Auf See gibt es Augenblicke, in denen alles, was man zu wissen glaubt, plötzlich bedeutungslos wird. Der Kompass ist da, das Boot ist da, der Horizont auch – und dennoch fehlt etwas Entscheidendes: die Gewissheit, dass es weitergeht wie geplant.

Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem das Meer kippte. Nicht dramatisch, nicht spektakulär. Kein Sturm, kein Notruf. Nur eine langsame, unaufhaltsame Veränderung. Der Wind drehte, die Wellen kamen nun schräg, der Rhythmus stimmte nicht mehr. Das Boot begann anders zu reagieren, träger, widerspenstiger. Nichts war kaputt. Und doch war nichts mehr selbstverständlich.

Es ist erstaunlich, wie schnell der Kopf in solchen Momenten beginnt, eigene Wege zu gehen. Gedanken beschleunigen, springen voraus, entwerfen Bilder, die noch gar nicht eingetreten sind. Man merkt plötzlich, dass Panik kein lauter Zustand ist. Sie beginnt leise. Mit einem Gefühl. Mit der Ahnung, die Kontrolle zu verlieren.

Auf See lernt man früh, dass Panik nicht aus der Situation entsteht, sondern aus der Interpretation. Das Wasser ist gleichgültig. Der Wind ebenso. Sie haben kein Interesse an uns. Sie handeln nicht gegen uns – sie handeln einfach. Wer versucht, ihnen Bedeutung zuzuschreiben, gerät ins Schleudern.

Die größte Ohnmacht ist nicht das Ausgeliefertsein. Es ist der Wunsch, etwas zu erzwingen, was sich nicht erzwingen lässt. Bewegung, Sicherheit, Rettung. In den Berichten von Schiffbrüchigen liest man immer wieder davon, dass nicht Hunger oder Durst die größte Gefahr sind, sondern der Moment, in dem der Mensch innerlich aufgibt. Wenn der Kopf schneller stirbt als der Körper. 

Ich habe gelernt, dass Akzeptanz nichts mit Resignation zu tun hat. Sie ist eine Form von Klarheit. Das stille Eingeständnis: So ist es jetzt. Nicht mehr. Nicht weniger. Erst wenn man aufhört, gegen die Situation anzukämpfen, wird wieder Handlung möglich. Kleine Schritte. Klare Bewegungen. Eine Aufgabe nach der anderen.

Auf See bedeutet das: Segel reffen. Kurs neu berechnen. Warten können. Stillhalten. Den eigenen Atem hören. Sich selbst beobachten, wie man ruhiger wird, sobald man aufhört, alles kontrollieren zu wollen.

Diese Lektion lässt sich nicht üben. Sie kommt, wenn sie kommt. Und sie bleibt.

Denn auch an Land gibt es Seenot. In anderer Form, mit anderen Wellen. Krankheit. Verlust. Entscheidungen, die sich nicht rückgängig machen lassen. Auch dort hilft kein hektisches Rudern. Keine panische Bewegung. Sondern nur die Fähigkeit, die Lage anzunehmen, ohne sich selbst zu verlieren.

Vielleicht ist das der eigentliche Sinn solcher Erfahrungen: zu verstehen, dass Ohnmacht kein Versagen ist. Sondern ein Zustand, der uns zwingt, genauer hinzusehen. Auf das Wesentliche. Auf das, was noch möglich ist. Und auf das, was wir loslassen müssen.

Auf See lernt man das schneller. Weil das Meer keine Ausreden kennt. Und keine Eile.

Es verlangt nur eines: Ruhe im Kopf.

Alles andere folgt.

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Leuchtturm.