Balance.

Ein Leben im Gleichgewicht.

Ich beobachte mich dabei, wie ich immer wieder glaube, es müsse mehr sein. Mehr Termine, mehr Projekte, mehr Gespräche, mehr Reaktionen. Und fast jedes Mal merke ich zu spät, dass dieses Mehr selten etwas hinzufügt. Meistens nimmt es nur Raum.

Ein gutes Leben – das hat für mich inzwischen weniger mit Glück zu tun als mit Balance. Mit einer inneren Ordnung, die nicht laut ist. Mit einem Zustand, in dem ich nicht ständig etwas ausgleichen muss. Wie auf einem Boot: Wenn die Gewichtsverteilung stimmt, läuft es ruhig. Wenn nicht, wird jede kleine Welle zur Störung.

Ich habe gelernt, dass Achtsamkeit nichts Abgehobenes ist. Sie beginnt ganz banal. Beim Kaffee am Morgen. Beim Aufräumen einer Backskiste. Beim bewussten Ausschalten des Telefons. Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen. Sondern darum, überhaupt zu merken, was man gerade tut – und warum.

Neulich saß ich im Cockpit, das Boot lag ruhig am Steg. Kein Wind, nur ein leichter Zug in den Leinen. Neben mir ein alter Segler, der schweigend sein Deck schrubbte. Wir nickten uns zu. Kein Smalltalk. Keine Visitenkarten. Zehn Minuten später war er fertig, hängte den Schlauch ordentlich weg und ging. Ich blieb noch sitzen. Und dachte: Genau so. Kein Drama. Kein Auftritt. Einfach Präsenz.

Minimalismus hat für mich nichts mit leeren Wohnungen oder asketischem Leben zu tun. Es ist eher eine Haltung. Die Bereitschaft, sich zu fragen: Brauche ich das wirklich? Noch eine Meinung? Noch eine Anschaffung? Noch eine Verpflichtung?

Auf dem Wasser lernt man das schnell. Alles, was man mitnimmt, will verstaut werden. Alles, was man verstaut, will gepflegt werden. Besitz erzeugt Verantwortung. Und Verantwortung kostet Energie. Irgendwann versteht man: Weniger Zeug bedeutet mehr Beweglichkeit. Nicht nur an Bord.

Ich bin da selbst kein Vorbild. Auch ich verliere mich in Nachrichten, in To-do-Listen, in Gedankenschleifen. Auch ich denke manchmal, ich müsste überall gleichzeitig sein. Aber ich werde besser darin, das zu bemerken. Und manchmal reicht genau das schon.

Was mir hilft, ist der maritime Rhythmus. Ablegen. Ankommen. Warten auf Wind. Kurs korrigieren. Stillliegen. Weiterfahren. Das Meer urteilt nicht über Effizienz. Es fragt nicht nach Produktivität. Es reagiert nur auf Haltung.

Ein achtsames Leben im Gleichgewicht bedeutet für mich heute: nicht in Extremen zu leben. Nicht alles sofort zu wollen. Nicht jedem Impuls zu folgen. Sondern zwischendurch innezuhalten und zu prüfen, ob ich gerade noch auf meinem eigenen Kurs bin.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst: sich selbst nicht dauernd zu überholen.

Und vielleicht ist ein gutes Leben kein Ziel, das man erreicht – sondern ein Zustand, den man immer wieder neu justiert. Wie den Trimm der Segel. Wie die eigene Aufmerksamkeit.

Manchmal reicht dafür ein ruhiger Hafen.

Manchmal ein freier Horizont.

Und manchmal nur der Mut, weniger zu wollen.

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Innere Ruhe.

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Panik.