Innere Ruhe.

Schweigen im Kopf.

Es gibt Momente, in denen die Welt leiser wird — ganz ohne äußeren Anlass. Nicht weil etwas Besonderes passiert, sondern weil wir plötzlich merken, dass wir nicht mehr mitlaufen müssen. Wir halten inne, ohne es zu planen.

Ich erinnere mich an einen Tag auf See, als ich begriff, was innere Ruhe bedeutet.

Wir waren auf dem Weg von einem Hafen zum nächsten, eigentlich keine lange Strecke. Kaum Wind, das Wasser glatt wie Glas. Die Segel hingen müde im Mast, Miss Sophie glitt mit minimaler Fahrt dahin. Nach Tagen mit Kurskorrekturen, Entscheidungen und kleinen Handgriffen stellte sich etwas ein, das man nicht machen kann: Stille im Kopf. Nicht leer — sondern weit.

Da saß ich im Cockpit, hörte das leise Gluckern am Rumpf und merkte, wie mein Atem langsamer wurde. Niemand wollte etwas von mir. Kein Manöver, kein Ziel, keine Eile. Nur dieses gleichmäßige Treiben. Und ich verstand: Ruhe auf See ist nicht die Abwesenheit von Bewegung. Sie ist die Abwesenheit von Dringlichkeit.

Später im Hafen erzählte mir jemand von einem einfachen Gedanken, der ihm geholfen hatte: Früher schlief man, wenn man schlief. Man aß, wenn man aß. Heute essen wir und denken an Arbeit. Wir liegen im Bett und sorgen uns. So entgleitet uns der Frieden — nicht, weil er verschwunden wäre, sondern weil wir verlernt haben, da zu sein.

Wenn du isst, dann iss.

Wenn du gehst, dann geh.

Wenn du schläfst, dann schlaf.

Nicht alles muss gleichzeitig geschehen.

Ich musste daran denken, wie oft ich an Bord Kaffee trinke und dabei schon die nächste Route im Kopf habe. Wie oft ich auf das Wasser schaue und innerlich schon drei Tage weiter bin. Dabei liegt das Eigentliche direkt vor mir: das Licht auf den Wellen, der Wind im Gesicht, das leise Knarren der Leinen.

In einem kurzen Video sah ich später einen Mann am Strand stehen. Er schloss die Augen, ließ die Brandung über seine Füße laufen. Keine Musik, keine Worte. Nur Meer. Und Präsenz. Es war nichts Spektakuläres — gerade deshalb war es so stark.

Innere Ruhe ist kein Zustand, den man erreichen kann wie einen Hafen. Sie kommt wie die Flut: leise, gleichmäßig, sobald man aufhört, gegen sie anzurennen. Sie entsteht nicht durch Rückzug aus der Welt, sondern durch Anwesenheit in ihr.

Auf dem Boot lernt man das schnell. Das Meer duldet keine Hast. Es belohnt Aufmerksamkeit, nicht Geschwindigkeit. Wer ständig vorausdenkt, verpasst das Jetzt. Wer immer nur plant, übersieht den Moment.

Innere Ruhe ist nicht das Schweigen der Welt.

Es ist das Schweigen im Kopf.

Es ist der Augenblick, in dem ein Schiff still im Wasser liegt —

und du ebenso.

Und manchmal, ganz selten, ist genau das genug.

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Balance.