abdrift. der gedanken.

Ein Gedankenspiel darüber, ob mein Kurs noch meiner ist.

Es gibt auf See ein Phänomen, das man nicht spürt und das einen trotzdem verändert. Man hält den Bug auf ein Ziel, die Kompassnadel steht ruhig, das Steuer liegt fest in der Hand, alles scheint zu stimmen. Und doch treibt das Boot die ganze Zeit ein wenig zur Seite. Wind und Strömung schieben es sacht, unmerklich, Meter um Meter aus der Spur. Am Ruder bemerkt man nichts. Man merkt es erst später, wenn man die tatsächliche Position mit der geplanten vergleicht und feststellt: Ich bin ganz woanders, als ich dachte.

Das nennt man Abdrift.

Ich musste in letzter Zeit oft an dieses Wort denken. Nicht auf dem Wasser. Am Schreibtisch.

Denn dort sitze ich an den meisten Tagen, vor den Bildschirmen, im Takt der Termine, das nächste Projekt schon im Blick, während das laufende noch nicht fertig ist. Es ist ein gutes Leben, ich will nicht klagen. Die Arbeit gefällt mir, meistens jedenfalls. Und trotzdem hat sich neulich, an einem stillen Abend, ein Gedanke bei mir eingeschlichen, den ich nicht mehr ganz loswurde. Er kam nicht laut, nicht als Krise, eher wie eine leise Frage, die man an Deck stellt, wenn es dunkel wird: Halte ich eigentlich noch meinen Kurs? Oder treibe ich längst?

Ich möchte diese Frage hier einmal ganz ehrlich durchspielen. Nicht als Entscheidung. Nur als Gedankenspiel. Als eine Reise, die ich im Kopf antrete, um zu sehen, wohin sie führt.

Angenommen also, ich würde ablegen. Nicht mit dem Boot, sondern aus diesem Arbeitsleben, so wie es jetzt ist. Angenommen, ich würde die Leinen lösen, die mich Tag für Tag an denselben Steg binden. Was würde bleiben? Und vor allem: Was würde ich vermissen – und was nicht?

Ich stelle mir vor, wie ich die einzelnen Festmacher der Reihe nach in die Hand nehme. Jede Leine, die mich hält, hat einen anderen Grund.

Da ist die erste Leine, die aus echter Notwendigkeit gespannt ist. Rechnungen, Verpflichtungen, das Selbstverständliche, das jeder kennt. Diese Leine ist real, sie hält aus gutem Grund, und ich würde sie nicht leichtfertig lösen.

Aber dann sind da die anderen. Die Leine der Gewohnheit – dieses ich mache das so, weil ich es immer so gemacht habe. Die Leine der Erwartung – was denken die anderen, wenn ich weniger tue, langsamer werde, Nein sage. Und die dickste von allen, die Leine der Angst. Die Angst, etwas zu verpassen. Die Angst, nicht mehr zu genügen, wenn ich nicht ständig mehr liefere. Die Angst, dass mein Wert an der Menge dessen hängt, was ich schaffe.

Und als ich so dasitze und diese Leinen im Kopf einzeln betrachte, merke ich etwas Ernüchterndes: Die meisten von ihnen halten mich gar nicht am Steg fest, weil ich hierbleiben muss. Sie halten mich, weil ich vergessen habe, sie überhaupt zu prüfen.

Genau das ist die Abdrift. Nicht die eine große Fehlentscheidung. Sondern das langsame, unmerkliche Treiben, weil man zu lange nicht mehr auf die Karte geschaut hat.

Auf dem Wasser gibt es dagegen ein einfaches Mittel. Man nimmt eine Peilung. Man sucht sich einen festen Punkt an Land, einen Turm, eine Kirche, eine Landzunge, und misst, wie er sich verändert. So erkennt man, ob man wirklich dorthin fährt, wo man hinwill, oder ob einen etwas anderes trägt. Es ist ein kleiner, nüchterner Handgriff. Aber er verhindert, dass man nach Stunden feststellt, dass man den ganzen Tag am Ziel vorbeigesegelt ist.

Vielleicht ist das der eigentliche Sinn dieses Gedankenspiels. Nicht die Frage, ob ich alles hinwerfe. Sondern die viel leisere, viel wichtigere Frage: Wann habe ich zuletzt eine Peilung genommen? Wann habe ich zuletzt geprüft, ob das, worauf ich zusteuere, noch das ist, was ich wirklich will – und nicht bloß das, wohin mich Wind und Strömung der letzten Jahre geschoben haben?

Denn das Beunruhigende am Vielbeschäftigtsein ist, dass es sich anfühlt wie Fahrt. Man ist in Bewegung, es passiert etwas, die Tage sind voll. Aber Bewegung ist nicht dasselbe wie Richtung. Man kann sehr schnell unterwegs sein und trotzdem abtreiben.

Ich spiele das Gedankenspiel noch ein Stück weiter. Angenommen, ich würde tatsächlich Leinen lösen – nicht alle, nur die, die nur aus Gewohnheit und Angst gespannt sind. Was bliebe dann? Wahrscheinlich mehr Luft. Mehr Ruhe. Weniger von diesem ständigen leichten Ziehen im Nacken. Und vielleicht die Entdeckung, dass das Boot auch dann noch schwimmt. Dass ich nicht sinke, nur weil ich einmal weniger will.

Und hier wird das Gedankenspiel plötzlich groß, größer als meine Arbeit. Denn es geht gar nicht mehr nur um Termine und Projekte. Es geht um die Frage, ob ich mein Leben steuere – oder ob ich mich steuern lasse. Ob ich am Ruder stehe oder nur mitfahre.

Ich habe für mich keine endgültige Antwort gefunden, und ich glaube auch nicht, dass es sie gibt. Das Schöne an einem Gedankenspiel ist ja, dass man nicht sofort handeln muss. Man darf die Idee eine Weile mitsegeln lassen, sie beobachten, sehen, wie sie sich anfühlt. Manchmal führt das zu einer großen Wende. Manchmal nur zu einer kleinen Korrektur am Ruder, zwei Grad, mehr nicht – aber über eine lange Strecke macht das den Unterschied zwischen ankommen und vorbeitreiben.

Was ich mitnehme, ist etwas viel Bescheideneres, als das Wort Aussteigen verspricht. Ich muss nicht aussteigen. Ich muss nur wieder anfangen, regelmäßig hinzuschauen. Ehrlich. Ohne mir vorzumachen, dass volle Tage automatisch die richtigen Tage sind.

Also nehme ich, ganz im Stillen, eine Peilung.

Ich suche mir einen festen Punkt am Horizont – nicht die nächste Aufgabe, sondern das, worum es mir eigentlich geht. Und ich messe, wie weit ich mich davon entfernt habe.

Vielleicht stimmt der Kurs. Dann segle ich beruhigt weiter.

Vielleicht stimmt er nicht. Dann lege ich die Hand ans Ruder und korrigiere.

In beiden Fällen weiß ich wenigstens wieder, wo ich bin. Und das ist, so glaube ich, mehr wert als jede Fahrt, so schnell sie auch sein mag, bei der man vergessen hat, überhaupt zu fragen, wohin sie eigentlich geht.

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Der Funke