Recht auf Unerreich-barkeit.
Über den wichtigsten Kanal an Bord – und warum auf ihm geschwiegen wird.
Es gibt an Bord der MISS SOPHIE ein Gerät, das die meisten Gäste übersehen. Es sitzt am Niedergang, grau, unscheinbar, ein paar Tasten, ein Drehknopf, und nachts wirft seine Skala einen bernsteinfarbenen Schein an die Schottwand. Das Funkgerät.
Wenn ich es einschalte, kommt keine Musik. Kein Programm, keine Nachricht, keine Stimme. Es kommt ein Rauschen.
Dieses Rauschen ist Kanal sechzehn.
Kanal sechzehn ist der Not-, Dringlichkeits- und Anrufkanal. Weltweit derselbe, auf jedem Meer, seit Jahrzehnten. Hundertsechsundfünfzig Komma acht Megahertz. Jedes Schiff, das etwas auf sich hält, hat ihn an. Der Frachter da draußen an der Kimm hat ihn an. Der Fischer in seinem verbeulten Kutter hat ihn an. Die Küstenfunkstelle an Land hat ihn an. Und ich habe ihn an, wenn ich unterwegs bin.
Es hören also alle zu. Und genau deshalb sagt dort niemand etwas.
Das ist die Regel, und sie ist so schlicht, dass man sie fast überliest. Auf Kanal sechzehn wird nicht geplaudert. Man ruft kurz an, nennt den Namen, und dann wechselt man sofort auf einen Arbeitskanal. Sechs, acht, zweiundsiebzig. Dort redet man. Dort sagt man einander, wo man liegt und ob der Wind dreht und ob heute noch Fisch zu haben ist.
Kanal sechzehn bleibt frei.
Nicht aus Höflichkeit. Nicht, weil es schöner klingt. Sondern weil es sonst nicht funktioniert.
Denn es gibt diesen einen Fall, für den die ganze Sache erfunden wurde. Jemand geht über Bord. Ein Mast bricht. Wasser steht in der Bilge, und die Pumpe schafft es nicht mehr.
Dann wird gerufen. Und dann geschieht etwas, das mich jedes Mal wieder still werden lässt, wenn ich darüber nachdenke.
Die Küstenfunkstelle sendet zwei Worte über den Äther: SILENCE. MAYDAY.
Funkstille. Alle anderen schweigen jetzt. Sofort und ausnahmslos. Der Frachter schweigt, der Fischer schweigt, ich schweige. Wir alle hören zu, aber wir sagen nichts mehr, bis die Sache durch ist. Und wenn sie durch ist, kommt das Wort, das sie wieder aufhebt, und der Äther gehört wieder allen.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was das eigentlich ist.
Es ist kein technisches Detail. Es ist eine Haltung, zu Vorschrift geronnen. Sie besagt: Wenn alle gleichzeitig reden, hört man den nicht mehr, der wirklich ruft.
An Land habe ich keinen Arbeitskanal.
Mir ist das an einem Dienstagabend im Frühjahr aufgefallen, im Hafen, das Boot lag längsseits, die Fender quietschten leise. Ich saß unten am Tisch und schaute auf mein Telefon. Und ich zählte.
Vierzehn Mails, davon drei an mich persönlich. Sieben Nachrichten in einer Gruppe, in der ich nicht weiß, warum ich drin bin. Zwei Erinnerungen an einen Termin, den ich mir selbst gesetzt hatte. Ein Paket ist unterwegs. Eine App will bewertet werden. Ein Newsletter, den ich vor sechs Jahren abonniert habe, aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnere. Eine Rechnung. Ein Geburtstag. Ein Angebot, das nur heute gilt und morgen wieder nur heute gilt.
Einundvierzig Meldungen.
Und dann saß ich da und ging sie noch einmal durch, eine nach der anderen, und suchte nach dem einen Mayday.
Es war keiner dabei. Nicht ein einziger.
Sie hatten trotzdem alle auf Kanal sechzehn gerufen. Jede einzelne von ihnen. Mit demselben Ton, mit demselben Vibrieren, mit derselben Dringlichkeit. Das Paket so laut wie die Rechnung, die Rechnung so laut wie der Freund, der wissen wollte, wie es mir geht.
Das ist der eigentliche Schaden. Nicht, dass es zu viel ist. Dass es alles gleich laut ist.
Auf dem Wasser kann man hören, was das anrichtet. Gehen zwei Stationen gleichzeitig auf denselben Kanal, versteht man keine von beiden. Die Signale legen sich übereinander, es heult kurz auf, und übrig bleibt der Stärkere. Der andere ist nicht weg. Er ist nur nicht mehr zu hören.
An diesem Abend in der Kajüte habe ich das zum ersten Mal auf mich selbst bezogen. Auf meinem Kanal drängelten sich einundvierzig Sender, und keiner davon war laut genug, um den Rest zu übertönen. Was dabei unterging, war nicht die eine wichtige Nachricht.
Es war mein eigener Gedanke.
Zwei Tage später bin ich raus.
Ein guter Wind aus Südost, MISS SOPHIE lief ihre fünf, sechs Knoten, und unter dem Rumpf lief das Wasser mit diesem gleichmäßigen Rauschen, das man nach zwei Tagen nicht mehr hört. Ich musste nichts weiter tun, als hin und wieder nachzutrimmen und ansonsten zuzusehen, wie das Land kleiner wurde. Erst die Häuser. Dann die Bäume. Dann nur noch ein flacher grauer Strich, und irgendwann nicht mal mehr der.
Auf dem Telefon flackerte noch eine Weile ein Balken. Dann flackerte er nicht mehr.
Ich habe das Ding ausgeschaltet und ins Schapp neben der Koje gelegt, zwischen die Ersatzbirnen und ein Knäuel Takelgarn, und ich weiß noch genau, dass ich dabei ein schlechtes Gewissen hatte. Ein kleines, dumpfes, völlig unbegründetes schlechtes Gewissen, als würde ich etwas Unerlaubtes tun.
Man macht sich ja aus dem Staub. So fühlt es sich an. Wie Ausreißen.
Das Funkgerät blieb an.
Und das ist der Punkt, an dem ich mich selbst zum ersten Mal beim Denken erwischte: Ich war ja gar nicht weg. Ich war nur nicht mehr für alles gleichzeitig zu haben. Wer mich auf See wirklich gebraucht hätte – die Küstenwache, ein anderes Schiff, jemand in Not –, der hätte mich erreicht. Sofort. Auf sechzehn.
Nur das Paket hätte mich nicht erreicht.
Vier Tage lag ich in einer Bucht hinter einer flachen Landzunge, allein bis auf eine dänische Yacht, die zweihundert Meter weiter schwojte. Der Mann drüben war weit über siebzig, kam abends mit dem Dingi rüber, brachte zwei Bier mit, und wir saßen im Cockpit und schauten aufs Wasser.
Irgendwann kam ich auf das Telefon zu sprechen. Auf das schlechte Gewissen.
„Wie lange hast du es aus?", fragte er.
„Vier Tage."
„Und?"
„Nichts. Es ist nichts passiert."
Er nickte, als hätte er das erwartet, und trank einen Schluck.
„Es passiert nie was", sagte er. „Das ist ja das Traurige."
„Wieso traurig?"
„Weil wir so tun, als würde was passieren. Jeden Tag. Den ganzen Tag." Er schaute aufs Wasser. „Ich war vierzig Jahre lang immer erreichbar. Weißt du, wie oft es wirklich dringend war?"
Ich sagte nichts.
„Dreimal", sagte er. „Und alle drei Male hätten sie mich auch gefunden, wenn ich das Ding aus gehabt hätte."
Dann kam er noch auf etwas, das mich bis heute begleitet.
Ich hatte gesagt, ich müsse morgen wieder Empfang suchen, ich müsse zurückschreiben, ich müsse mich melden. Dreimal müssen in einem Satz.
Er hat nur die Augenbrauen gehoben.
Und ich habe gehört, wie es klang.
Das ist die stille Lüge in der ganzen Sache. Wir sagen müssen, wo wir dürfen meinen, und irgendwann glauben wir es selbst. Dabei hat mir niemand vorgeschrieben, dass das Telefon anbleibt. Kein Gesetz, kein Vertrag, kein Vorgesetzter mit der Stoppuhr. Ich habe es selbst angelassen. Jahrelang. Und dann so getan, als sei das Wetter.
Das Boot hat mir das ausgetrieben, langsam und ohne Belehrung, so wie es einem alles austreibt, was nicht trägt. Auf einem Schiff kann man nicht alles mitnehmen. Jedes Kilo will begründet sein, und was nicht begründet ist, macht das Boot nur langsam und tief. Mit den Kanälen ist es dasselbe. Man kann nicht auf allen gleichzeitig senden und dabei noch hören.
Das ist Essentialismus, wie ich ihn verstehe. Es geht nicht darum, weniger zu haben. Es geht darum, dass das Wichtige noch durchkommt.
Wir reden über ein Recht auf Unerreichbarkeit, als müssten wir uns etwas herausnehmen. Als sei es ein Privileg, ein Urlaub, eine kleine erlaubte Flucht. Als bräuchte man dafür eine Genehmigung.
Ich glaube inzwischen, es ist umgekehrt.
Unerreichbarkeit ist keine Flucht. Sie ist eine Form von Anwesenheit. Wer den Kanal freihält, macht nicht dicht – er macht Platz. Platz für das eine, das wirklich ruft. Für das Kind, das anruft. Für den Freund, dem es schlecht geht. Für den Satz, der zählt.
Wer immer sendet, hat keinen Platz mehr zum Hören.
Am fünften Morgen habe ich den Anker gehoben, und weil ich ohnehin nach Süden wollte, kam der Empfang irgendwann von allein zurück, mit dem Land, mit den Dächern und den Masten und dem ersten Balken auf dem Bildschirm.
Einundvierzig Meldungen. Wieder ungefähr einundvierzig.
Kein Mayday darunter.
Ich habe zwei beantwortet und den Rest gelöscht, und dann habe ich mir einen Kaffee gemacht und mich nach vorn aufs Vorschiff gesetzt, die Beine auf die Luke gelegt, und dem Boot dabei zugesehen, wie es ganz allein seinen Kurs hielt.
Das Funkgerät unten am Niedergang rauschte leise vor sich hin. Wie immer.
Es hatte vier Tage lang nichts gesagt. Es hatte vier Tage lang zugehört.
Und irgendwie, denke ich manchmal, ist das die ganze Geschichte.