Der Funke

Über ein Buch, das vom Brennen erzählt – und von fünfzehn Menschen, die dem Wasser gefolgt sind.

Es gibt Bücher, die man liest. Und es gibt Bücher, die einen zwischen zwei Seiten aufblicken lassen, hinaus zum Fenster, hinaus aufs Wasser, als hätte jemand leise die Leinen gelöst. Logbuch der Leidenschaft von Marc Bielefeld ist so ein Buch. Ich habe es an mehreren Abenden in der Kajüte gelesen, bei Lampenlicht, während draußen das Fallgeschirr sacht gegen den Mast schlug, und jedes Mal fiel es mir schwer, es wieder zuzuklappen.

Der Untertitel verspricht »Geschichten, die nur das Segeln schreiben kann«. Das klingt groß. Aber es stimmt.

Bielefeld versammelt fünfzehn Porträts. Fünfzehn Menschen, die kaum unterschiedlicher sein könnten, getrennt durch Jahrhunderte, durch Herkunft, durch alles – und doch verbunden durch dieselbe stille Kraft. Da ist Adeline Gräfin von Schimmelmann, eine reiche Adlige des 19. Jahrhunderts, die ihr Vermögen und ihr Leben den armen, oft obdachlosen Fischern der Ostsee widmete und mit ihrem Schiff über genau jene See kreuzte, die auch ich am liebsten befahre. Da ist die Holländerin Suzanne van der Veeken, die per Anhalter über die Ozeane segelt und das Meer schützen will, das sie trägt. Da ist der junge Hamburger Matthes Sierk, der mitten in der Pandemie seinen Traumjob kündigt, sich eine Yacht kauft und in ein neues Leben kreuzt – mit einer Segelerfahrung von null.

Und dann die großen Namen. Theodor Fontane, der vor fast 150 Jahren aus drei Tagen auf dem Wasser Literatur machte. François Gabart, der 2017 in kaum mehr als vierzig Tagen die Erde umrundete und dabei fast jeden Rekord zu Staub zerrieb. Bernard Moitessier, den sie den Buddha der Meere nannten, weil er das Ziel einer Regatta einfach hinter sich ließ und weitersegelte, dem Frieden entgegen statt dem Ruhm.

So verschieden diese Menschen sind – Bielefeld sucht nicht das Spektakel. Er sucht das, was darunter liegt.

Und hier wird das Buch für mich mehr als eine Sammlung schöner Abenteuer.

Man könnte diese Menschen für verwegen halten. Wasserverrückt, windverrückt. Man könnte den Kopf schütteln über die Gräfin, die ihr Standesleben aufgab, über den jungen Mann, der die sichere Karriere von Bord warf. Aber wer ihre Geschichten liest, versteht, dass es nicht Tollkühnheit war, die sie hinaustrieb. Es war etwas Leiseres. Mut, ja. Fantasie, Disziplin, Tatendrang. Doch der eigentliche Stoff, aus dem ihre Seemeilen gemacht sind, ist ein anderer: das Talent, für etwas zu brennen.

Das ist der Funke, um den das ganze Buch kreist.

Und es ist, glaube ich, das seltenste Gut unserer Zeit. Von allem anderen haben wir genug. Von Effizienz, von Leistung, von der Frage, wie sich noch ein Prozent herausholen lässt. Wovon wir zu wenig haben, ist die schlichte, unbezahlbare Fähigkeit, sich einer Sache ganz hinzugeben. Nicht weil sie sich rechnet. Sondern weil sie ruft.

Wer schon einmal bei ablaufendem Wasser aus einem Hafen gefahren ist, kennt diesen Moment. Man wirft die letzte Leine los, und für einen Augenblick gehört man niemandem mehr. Nicht dem Steg, nicht dem Plan, nicht den Erwartungen. Nur dem Wind und der Richtung, die man selbst gewählt hat. Genau von diesem Augenblick handelt jede der fünfzehn Geschichten. Vom Loswerfen. Vom Vertrauen darauf, dass das Wasser einen trägt, wenn man sich ihm überlässt.

Es passt, dass Marc Bielefeld selbst Segler ist. Man merkt es in jeder Zeile. Er schreibt nicht über das Meer wie jemand, der es vom Kai aus betrachtet, sondern wie jemand, der weiß, wie sich Salz auf der Haut anfühlt und wie lang eine Nacht auf Wache werden kann. Sein früheres Buch trägt einen Titel, der über meinem ganzen Blog stehen könnte: Wer Meer hat, braucht weniger. Vielleicht ist das der stille Faden, der beide Bücher verbindet – und der Grund, warum mich dieses hier so berührt hat.

Denn im Kern erzählen diese fünfzehn Leben keine Geschichte vom Mehr. Sie erzählen vom Weglassen.

Keiner dieser Menschen hat sein Leben voller gemacht. Jeder hat etwas losgelassen, um dem einen zu folgen, das ihn trug. Die Gräfin ließ den Reichtum los. Der junge Hamburger die Sicherheit. Moitessier den Sieg. Sie alle haben ihr Leben leichter gemacht, nicht schwerer, und gerade dadurch weiter. Das ist, wenn man so will, Minimalismus in seiner reinsten Form. Nicht der Verzicht als Askese, sondern der Verzicht als Voraussetzung. Man wirft Ballast über Bord, damit Platz wird für das, wofür man wirklich brennt.

Manche dieser Geschichten sind laut und atemberaubend. Andere sind leise, beinahe lyrisch. Ein Buch, das genauso von einem Weltumsegler erzählt wie von einem Bootsbauer, der bis heute anonym auf der Walz durchs Land zieht, seinen ganzen Besitz am Leib. Und Bielefeld findet für beide denselben warmen, respektvollen Ton. Er urteilt nicht. Er staunt. Und dieses Staunen ist ansteckend.

Ich habe das Buch nicht gelesen, um fernzureisen. Ich sitze ja selbst an der Ostsee, mit Miss Sophie am Steg, und brauche keinen Hochseerekord, um zu wissen, was Wasser mit einem Menschen macht. Ich habe es gelesen, weil es eine Frage stellt, die weit über das Segeln hinausgeht: Wofür brenne ich eigentlich? Und traue ich mich, dem zu folgen – im Großen wie im Kleinen, im Äußeren wie im Inneren?

Man muss dafür nicht die Ozeane umrunden. Man muss nicht seinen Job kündigen. Es reicht oft schon, ehrlich zu prüfen, welche Leinen einen noch halten – und welche man längst loswerfen dürfte.

Das ist, glaube ich, die schönste Wirkung dieses Buches. Es macht keinen Lärm. Es motiviert nicht mit erhobenem Zeigefinger. Es setzt nur diesen Funken. Und wer aufmerksam liest, spürt danach ein leises Ziehen unter dem Brustbein, so wie man am Horizont ein Wetter aufziehen sieht, bevor der erste Windhauch die Wange erreicht.

Eine klare Empfehlung. Für jeden, der das Meer liebt. Und mehr noch für jeden, der ahnt, dass irgendwo in ihm ein Kurs liegt, den er noch nicht gesteuert hat.

Ich habe das Buch zugeklappt und bin an Deck gegangen. Die Förde lag ruhig, das letzte Licht auf dem Wasser. Und zum ersten Mal seit Langem habe ich nicht überlegt, was ich als Nächstes zu erledigen hätte.

Ich habe nur nach dem Wind gefühlt.

Marc Bielefeld: Logbuch der Leidenschaft. Geschichten, die nur das Segeln schreiben kann. Delius Klasing.

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abdrift. der gedanken.

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Ballast