Zu Viel.

Warum tun wir uns den Ballast an?

Ich habe kürzlich eine Zahl gelesen, die mich kurz innehalten ließ. Über 300.000 Gegenstände in einem durchschnittlichen Haushalt.

Ich habe zuerst gedacht: Das kann nicht stimmen. Das ist übertrieben.

Dann bin ich durch meine eigenen Räume gegangen.

Die Schublade in der Küche, die man nur vorsichtig öffnet, weil sich dahinter etwas verkantet hat. Der Keller, in dem Dinge stehen, deren Herkunft ich nicht mehr erklären kann. Die Garage, die eigentlich für zwei Autos gebaut wurde und heute keinen Platz mehr für eines hat. Und ich habe gemerkt: Es stimmt wahrscheinlich. Nicht exakt. Aber im Prinzip.

Was mich dabei irritiert, ist weniger die Menge als der Weg dorthin. Denn niemand entscheidet sich bewusst für zu viel. Es passiert leise. Ein Gegenstand nach dem anderen.

Ein Geburtstag.

Ein „das könnte ich noch gebrauchen“.

Ein schneller Kauf, weil es gerade passt.

Ein anderer, weil es gerade nicht passt.

Und irgendwann steht man da und fragt sich: Wann genau ist das gekippt? Wann hat das, was mir dienen sollte, angefangen, mich zu beschäftigen? Ich beobachte das bei mir selbst. Bei Freunden. Bekannten. In der Familie.

Ich würde sagen, ich achte darauf. Ich denke darüber nach. Ich halte mich für jemand, der es bewusst angeht. Und trotzdem sammelt es sich. Es ist, als hätte Besitz eine eigene Dynamik. Er wächst nicht in großen Sprüngen. Er wächst in kleinen, plausiblen Entscheidungen. Nichts davon wirkt falsch. Aber alles zusammen wird irgendwann zu viel. Was mich mehr beschäftigt als die Dinge selbst, ist das, was sie mit mir machen. Denn jedes einzelne Ding fordert etwas. Zeit. Aufmerksamkeit. Energie.

Es muss irgendwo liegen.

Es muss gepflegt werden.

Es muss gefunden werden.

Und selbst wenn ich mich nicht aktiv darum kümmere, ist es da. Im Blickfeld. Im Hintergrund. Im Kopf. Ich habe einmal gelesen, dass wir jeden Tag Zeit damit verbringen, unsere Dinge zu verwalten. Suchen, ordnen, überlegen. Vielleicht eine Stunde. Vielleicht mehr. Das klingt harmlos. Bis man es hochrechnet. Ein ganzer Tag pro Woche. Nur für das, was man besitzt.

Ich frage mich manchmal, wie viel meines Lebens ich damit verbringe, Dinge in Ordnung zu halten, die ich nie wirklich gebraucht habe. Es gibt noch etwas, das schwerer zu greifen ist. Eine Art leises Grundrauschen. Ein Stapel auf dem Tisch. Eine Ecke, die nicht ganz aufgeräumt ist. Ein Schrank, der sich nur halb öffnen lässt.

Nichts davon ist dramatisch. Aber alles zusammen ist spürbar. Wie offene Tabs im Kopf. Nicht laut, aber dauerhaft präsent. Ich merke das besonders dann, wenn es einmal anders ist. Wenn ein Raum leerer wird. Klarer. Dann verändert sich etwas.

Die Gedanken werden langsamer. Die Stimmung ruhiger.

Es ist kein großer Effekt. Eher ein Wegfallen von etwas, das vorher da war. Und dann frage ich mich: Warum machen wir das eigentlich? Warum bringen wir immer mehr hinein, obwohl wir spüren, dass es uns nicht leichter macht? Ich glaube, ein Teil davon ist einfach.

Es fühlt sich gut an.

Der Moment, in dem man etwas kauft. Die Vorstellung, dass es das Leben verbessert. Dass man organisierter wird, produktiver, vielleicht sogar ein bisschen besser. Wir kaufen selten Dinge. Wir kaufen Versionen von uns selbst. Den, der regelmäßig kocht. Den, der sportlich ist. Den, der endlich Ordnung hält. Nur dass diese Versionen oft nicht entstehen.

Und die Dinge bleiben. Still. Wartend. Und manchmal auch leicht anklagend.

Ein anderer Teil ist schwieriger. Wir vergleichen uns. Unbewusst, ständig. Wir sehen, was andere haben. Wie sie leben. Wie ihre Räume aussehen. Und es war noch nie so einfach, das sofort nachzumachen. Ein Klick. Zwei Tage später steht es vor der Tür. Ohne Widerstand. Ohne Zeit zum Nachdenken. Ich kenne das. Jeder kennt das. Vermutlich. Ich merke oft erst Tage später, dass ich etwas gekauft habe, das ich nicht wirklich gebraucht habe. Nicht, weil ich unvernünftig bin. Sondern weil es so einfach geworden ist. Was vielen Menschen - und auch hier und da mir noch - am schwersten fällt, ist das Loslassen. Nicht das Erkennen. Das kann ich inzwischen ganz gut. Aber das tatsächliche Weggeben. Weil daran Gedanken hängen. Geld. Erinnerungen. Vielleicht auch ein kleines schlechtes Gewissen.

„Das war doch teuer.“

„Das könnte ich noch brauchen.“

„Das hat jemand mir geschenkt.“

Und gleichzeitig weiß ich: Etwas zu behalten, nur weil es einmal Bedeutung hatte, ist nicht dasselbe, wie es wirklich zu schätzen. Es ist eher eine Form von Aufbewahrung aus Pflichtgefühl. Ich beginne langsam zu verstehen, dass Besitz nicht nur das ist, was ich kaufe. Es ist auch das, was ich entscheide zu behalten. Und dass beides Folgen hat. Nicht nur finanziell. Sondern im Alltag. In der Wahrnehmung. Im Kopf.

Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht, dass wir zu viel haben. Sondern dass wir zu wenig hinterfragen. Zu selten stehen bleiben und uns fragen: Brauche ich das wirklich? Oder hält es mich nur beschäftigt?

Auf See ist das einfacher. Der Platz ist begrenzt. Alles hat seinen Ort. Alles, was keinen hat, stört.

Man merkt sofort, was zu viel ist.

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Innere Ruhe.