VOID()
Über die Flaute – und warum wir sofort den Motor anwerfen.
Es gibt einen Moment auf See, den niemand fotografiert.
Der Wind schläft ein. Nicht plötzlich, nie plötzlich, sondern über eine halbe Stunde hinweg, so unmerklich, dass man erst die Logge anschaut und dann nach oben. Sechs Knoten. Vier. Zwei. Das Großsegel steht noch eine Weile wie aus Gewohnheit, dann fällt es in sich zusammen. Der Baum schlägt einmal von Backbord nach Steuerbord und wieder zurück. Die Schoten hängen durch.
Und dann ist es still, aber es ist keine schöne Stille.
Denn die Wellen sind noch da. Der Wind geht, die Dünung bleibt, und ein Boot ohne Fahrt liegt in der Dünung wie ein Korken. MISS SOPHIE rollt dann von einer Seite auf die andere, sechs, sieben Sekunden Periode, und alles, was nicht festgezurrt ist, wandert. Die Tassen wandern. Die Bücher wandern. Der Baum schlägt im Takt, und über einem klappert die Takelage in einer Tonlage, die einem nach zwanzig Minuten in den Kiefer fährt.
Man treibt. Man macht keine Meile gut. Man ist genau da, wo man vor einer Stunde war, nur mit mehr Kopfschmerzen.
Und dann passiert etwas, das ich inzwischen an mir selbst beobachte wie ein Fremder.
Meine Hand geht zum Anlasser.
Das ist die ganze Geschichte, eigentlich. Alles Weitere ist nur noch die Frage, warum.
Ich brauche den Motor nicht. Niemand wartet. Es gibt keinen Termin im Hafen, kein Schleusenfenster, keine Verabredung. Der Wind kommt zurück, er kommt immer zurück, meistens gegen Abend. Ich könnte mir einen Kaffee machen und auf dem Vorschiff sitzen und drei Stunden lang nichts tun.
Aber ich werfe den Diesel an. Vierzig Minuten, achtzig Minuten, eine Stunde und dann noch eine. Für nichts. Ich mache Lärm, ich verbrenne Geld, ich schiebe das Boot durch ein Wasser, das mich getragen hätte, wenn ich es gelassen hätte.
Und ich tue es nicht, weil ich irgendwohin muss.
Ich tue es, weil ich das Nichts nicht aushalte.
Die Alten hatten dafür einen Namen, lange bevor irgendjemand von Achtsamkeit sprach. Horror vacui. Die Natur scheue die Leere, hieß es, sie ertrage kein Vakuum, sie fülle jeden Hohlraum sofort wieder auf.
Das stimmt physikalisch nicht ganz. Aber über den Menschen sagt es beinahe alles.
Wir ertragen den leeren Raum nicht. Wir haben kein Organ dafür. Kaum entsteht irgendwo eine Lücke – im Kalender, im Regal, im Kopf –, schießt sofort etwas hinein, und zwar völlig egal was. Ein Termin. Ein Einkauf. Ein Abo. Ein neues Ziel. Ein Bildschirm.
Und wir nennen das dann Produktivität, Selbstverwirklichung, Fortschritt oder Urlaubsplanung. Es ist aber nur der Anlasser.
Nun könnte man sagen, gut, dann lauf eben der Motor. Was ist so schlimm daran, die Leere zuzumachen?
Das Schlimme ist, dass es nicht funktioniert. Und zwar nachweislich nicht.
Man weiß aus der Glücksforschung seit den Siebzigerjahren erstaunlich genau, was mit Menschen passiert, denen etwas sehr Gutes zustößt. Lottogewinner sind das Standardbeispiel. Ein halbes Jahr nach dem Gewinn liegen sie in ihrer Zufriedenheit ungefähr wieder dort, wo sie vorher lagen. Nicht ganz, nicht bei jedem, die Forschung ist heute differenzierter – aber die Richtung stimmt. Der Pegel pendelt sich ein. Er tut es fast immer.
Und das gilt eben auch für alles, was wir uns von unseren Zielen versprechen.
Es gibt eine Menge Berichte von Menschen, die ganz oben angekommen sind, und sie ähneln einander auf eine fast langweilige Weise. Der Gipfel war leer. Die Medaille war leer. Der Vertragsabschluss war leer. Was sie am Ziel empfunden haben, war nicht Freude, sondern Erleichterung – das ist etwas völlig anderes. Erleichterung heißt nur: Die Anspannung ist weg. Es ist das Gefühl, wenn ein Schmerz aufhört, und niemand würde ernsthaft behaupten, dass das Aufhören von Schmerz dasselbe ist wie Glück.
Und was tun sie dann, nach zwei, drei Tagen?
Sie setzen sich ein neues Ziel. Sofort. Nicht aus Ehrgeiz.
Aus Horror.
In der Segelgeschichte gibt es einen Mann, der das durchschaut hat, und die Sache ist so verrückt, dass sie bis heute erzählt wird. Bernard Moitessier, Einhandsegler, war 1969 auf dem besten Weg, die erste Nonstop-Regatta um die ganze Erde zu gewinnen. Der Sieg war ihm kaum noch zu nehmen. Er hätte nur noch nach Norden abbiegen und nach England segeln müssen, in den Ruhm, in die Zeitungen, in den Empfang.
Er bog nicht ab.
Er segelte an Europa vorbei, weiter nach Osten, ein zweites Mal halb um die Welt, und machte irgendwann in Tahiti fest. Die Begründung, die er per Schleuderpost an ein vorbeifahrendes Schiff gab, ist bis heute der schönste Satz der Segelliteratur und der unhöflichste dazu: Er fahre weiter, weil er glücklich sei auf See, und vielleicht auch, um seine Seele zu retten.
Er hat nicht aufgegeben. Er hat nur gesehen, dass am Ziel nichts wartet, und hat deshalb das Einzige behalten, was es tatsächlich gab: die Fahrt.
Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, was das Boot mir die ganze Zeit vorführt.
Auf einem Schiff kann man die Leere nämlich nicht zustellen. Es geht rein physisch nicht. Der Raum ist begrenzt, jedes Kilo zählt, und was man an Bord schleppt, muss man dreihundertmal im Jahr in die Hand nehmen, umstauen, trockenlegen und wieder verräumen. Nach zwei Sommern hört man von allein damit auf, Dinge anzuschleppen. Nicht aus Tugend. Aus Erschöpfung.
Und was dann passiert, ist das eigentlich Erstaunliche.
Die Leere, die man nicht mehr zustellen kann, hört irgendwann auf, unangenehm zu sein.
Es dauert. Die ersten Tage vor Anker sind fast immer unruhig – man greift zum Telefon, man sucht sich eine Aufgabe, man schleift irgendwas, das nicht geschliffen werden muss. Am dritten oder vierten Tag lässt es nach. Und dann kommt dieser Zustand, für den unsere Sprache kein gutes Wort hat, weil sie ihn für Langeweile hält: dass man auf dem Vorschiff sitzt und aufs Wasser schaut und nichts denkt und nichts will, und dass das nicht leer ist, sondern weit.
Es ist wie mit einem aufgewühlten Teich. Solange man darin herumrührt, ist das Wasser trüb. Man muss nichts tun, damit es klar wird. Man muss nur aufhören zu rühren. Der Schlamm sinkt von allein.
Das ist der Grund, warum alles, was man in der Stille findet, nicht gemacht werden kann. Es setzt sich ab.
Bleibt die Frage, die an dieser Stelle jeder zu Recht stellt: Wenn Ziele nichts taugen – soll man dann ziellos herumtreiben?
Nein. Und die See beantwortet das präziser als jedes Seminar.
Denn es gibt auf einem Schiff zwei völlig verschiedene Dinge, die man leicht verwechselt. Es gibt Ziele – das ist der Hafen, die Insel, die Bucht, in der man heute Abend ankert. Und es gibt Richtung – das ist der Kompasskurs, der Nordstern, die Peilung.
Ein Ziel erreicht man. Und in der Sekunde, in der man es erreicht, hört es auf zu existieren. Der Hafen, auf den ich drei Tage zugehalten habe, ist ab dem Moment, in dem die Leinen fest sind, kein Ziel mehr, sondern nur noch ein Ort mit Duschen.
Der Polarstern dagegen bleibt. Er bleibt, weil man ihn nicht erreichen kann. Er steht fast unbeweglich über dem Himmelsnordpol, seit die Menschen zur See fahren, und genau darin liegt sein ganzer Wert: Ein Stern, den man erreichen könnte, wäre als Kompass wertlos. Er wäre nach dem Erreichen weg, und man stünde wieder im Dunkeln.
Das ist der Unterschied, um den es geht. Wer Ziele sammelt, braucht immer das nächste, weil das letzte sich beim Erreichen auflöst. Wer eine Richtung hat, kann ankern, wo er will, tagelang, wochenlang, ohne die Orientierung zu verlieren.
Und zwischen beidem liegt Minimalismus. Nicht als Wohnstil mit weißen Wänden und drei T-Shirts. Sondern als das, was übrig bleibt, wenn man einmal ehrlich fragt, was von alledem eigentlich auf die Richtung einzahlt – und was nur gekauft wurde, um eine Stunde Leere zuzumachen.
In der Programmierung gibt es einen Typ für Funktionen, die nichts zurückgeben. Man ruft sie auf, sie tun, was sie tun, und dann kommt nichts zurück. Kein Wert, kein Ergebnis, nichts, womit man weiterrechnen könnte. Man schreibt dazu ein Wort, das gleichzeitig die Leere bedeutet.
void.
Ich habe lange gedacht, das sei die Diagnose. Dass unser ganzes Anlassen und Zielesetzen und Kaufen eine Funktion ist, die man aufruft und die nichts zurückgibt.
Inzwischen glaube ich, es ist das Gegenteil.
Eine Stunde auf dem Vorschiff gibt auch nichts zurück. Keine Meilen, kein Ergebnis, nichts, was man abends jemandem berichten könnte. Sie ist vollständig unproduktiv, und wer sie in eine Tabelle einträgt, hat sie nicht verstanden.
Und trotzdem ist sie das Einzige an dem ganzen Tag, an das ich mich im Winter noch erinnere.
Ein Rad hält übrigens nicht wegen seiner Speichen. Es hält, weil in seiner Mitte ein Loch ist. Man kann sich noch so viele Speichen wünschen – ohne das Nichts in der Mitte lässt sich das Ding nicht auf die Achse stecken.
Der Wind kam an dem Tag gegen halb sechs zurück. Erst nur eine dunkle Kräuselung weit im Westen, die langsam näher wanderte, dann ein Zug in den Wanten, dann stand das Großsegel wieder.
Ich hatte den Motor nicht angeworfen. Zum ersten Mal.
Vier Stunden lang hatte ich nichts getan und nichts erreicht, und ich hätte, ehrlich gesagt, nicht sagen können, wo diese vier Stunden geblieben sind.
Wir machten dann sechs Knoten und liefen bis in den Abend, und irgendwann wurde das Wasser vorn am Bug rot, und ich saß da mit dem kalten Kaffee und dachte: Das hätte ich um zwei Uhr mittags alles nicht gehabt.
Ich hätte nur Lärm gehabt und wäre acht Meilen weiter gewesen.